reflections

 

Ein Text von mir über meinen Alltag mit der Anorexie.

 

 

Ich höre immer wieder, wie begabt ich bin. Hochintelligent. Meine Weigerung, mehr zu tun als ich muss, spiegelt genau das wieder. Das höre ich von allen.

Wie intelligent kann jemand sein, der nichts für die Schule macht - rein gar nichts? Keine Hausaufgaben, nie Lernen, keine Sonderprojekte... nichts. Immer nur knapp die Versetzung schafft, obwohl er weiß, dass er viel mehr könnte?

Wie intelligent kann jemand sein, der sich Essen kauft, um es schließlich nach zwei Bissen weg zu werfen? Wie intelligent kann jemand sein, der sich weigert, Hilfe egal welcher Art anzunehmen? Der seine Talente nicht fördert, die in Musik und Kunst und dem Schreiben liegen? Wenn überhaupt, dann nur sporadisch damit beschäftigt.

Ich sage es euch: Das ist keine Intelligenz. Das ist Idiotie.

Ich verstecke mich hinter so vielen Masken, dass ich vergessen habe, wer ich wirklich bin. Ohne das alles, ohne die ganzen Fassaden, die ich um mich herum aufgebaut habe. Bin ich darunter stark? Bin ich schwach? Sensibel oder brutal? Ich weiß es nicht. Ich habe es vergessen. Vielleicht wusste ich es nie.

Nach außen bin ich stark. Lasse niemanden an mich ran, verstecke mir vor allen. Um nie sagen zu müssen: Ich brauche dich. Denn ich will niemanden brauchen. So kann ich mir einreden, dass ich stark bin.

Alle sagen immer, wie selbstbewusst ich bin. Ich habe meinen eigenen Stil, beispielsweise was Kleidung angeht. Helfe anderen immer, wenn es in meiner Macht steht. Probleme fast empathisch erkenne. Dafür werde ich respektiert. Einmal sagte eine Freundin sogar zu mir, sie habe fast Angst vor mir gehabt, weil ich immer zu wissen scheine, was ich will und was nicht, und mir von niemandem etwas sagen lasse.

Ich brauche lange, um mich jemandem anzuvertrauen ud weiß nicht, wie viele wunderbare Freundschaften oder Beziehungen ich mir so schon verbaut habe. Weil ich lieber alleine bin. Denn ich selber kann mir nicht weh tun.

Halt! Seht ihr? Schon wieder eine Lüge. Ich füge mir selber Schmerzen zu, durch diese Isolation. Sie ist nicht vollständig, nicht perfekt, aber meistens trennt das alles mich von den anderen. Egal wovor ich mich dadurch schützen möchte, ich selber füge mir mehr Schmerz zu, als alle da draußen es jemals könnten.

Aber das ist egal, denn darüber habe ich die Kontrolle. Ich weiß, was ich mir damit antue, und akzeptiere es. Lieber die bekannte als die unbekannte Hölle.

Ich will perfekt sein, muss perfekt sein. Für mich, für euch, für alle. Weil es das ist, was von mir erwartet wird. Es ist das, was ich selber von mir erwarte. Und ich mache alles, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Die ich mir selber stelle.

Ich hungere. Faste. Kotze. Weine mich in den Schlaf. Zittere mich in den Schlaf. Wache morgens auf ohne zu wissen, durch welche Hölle ich wieder gehen werde. Mit dem ersten Gedanken an das Essen, das ich wieder zu mir nehmen muss.

Ich sehe in den Spiegel und hasse mich. Meinen Körper, ja, das auch. Aber nicht mich, nicht die Person die ich bin. Ich hasse das, was ich aus mir gemacht habe. Ich weiß dass ich nicht zurück kann, das ist endgültig. Auch wenn ich einmal gesund sein sollte, werden diese Gedanken nie verschwinden. Die Schuldgefühle mir gegenüber, meinem Körper gegenüber.

Aber ich würde es genau so wieder machen. Weil es mir Kraft gibt, weil es mir ein Ziel gibt. Einen Sinn, den ich sonst nicht finden kann. Auch wenn es mich Stück für Stück mehr zerstört, gibt es mir Halt. Oder soll ich "sie" sagen? Ana.

So ist sie, und so bin ich. Ich liebe und hasse sie. Ich will sie los werden und ich will sie nie wieder her geben. Willkommen in meiner Hölle.



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