reflections

Frühling 2009

Ich bin ein Adrenalinjunkie.


Das behaupte ich jetzt schon seit langem. So erkläre ich meine Leidenschaft für schnelle Autos, risikoreiches und rasantes Skifahren sowie sonstige idiotische und gefährliche Aktionen. Dazu zähle ich auch meine ständig wechselnden Partnerschaften, Affären, wie auch immer man es nennen will.


Mag sein, dass ich mir so nur beweisen will, dass ich noch da bin. Vielleicht ist es meine Art, mich zu spüren, vielleicht suche ich die Gefahr.


Egal wie es ist, jetzt habe ich einen Fehler gemacht.


Vor zwei Wochen, an einem Sonntagabend, hatte ich das übliche Problem: ich konnte nicht schlafen, und ich hatte keine Zigaretten mehr. Wie schrecklich, wirklich! Also habe ich mir schnell meine schwarze Jacke übergezogen, Turnschuhe an, mit der Absicht, schnell zum Zigarettenautomaten zu gehen. Es war angenehm draußen, durch die klare Luft konnte ich besser denken, es war irgendwie befreiend. Mit dem Päckchen Zigaretten in der Hand drehte ich mich um und wollte zurück in die Wohnung gehen, aber dann denke ich: Warum denn? und gehe in die andere Richtung weiter.


Ich liebe es, nachts unterwegs zu sein, die Straßen sind leer und irgendwie scheint die Luft klarer, reiner zu sein. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs bin, meine Gedanken drehen sich im Kreis. Ich wusste es vorher schon, hatte es aber nicht wahrhaben wollen: wieder eine Depression, schon wieder. Ich mag nicht mehr. Ich kann nicht mehr.
Einmal denke ich daran, meiner Therapeutin von meinen Problemen mit dem Essen zu erzählen. Verwerfe es wieder, denn schließlich ist mein Zustand okay. Klar, ich habe diese Schwindelanfälle, hin und wieder Fressanfälle mit anschließendem selbst induziertem Erbrechen oder wieder ein paar Tage Fasten, aber es ist nicht kritisch, nicht so wichtig. Jaja.


Irgendwann werden meine Gedanken ruhiger, es dreht sich nicht mehr alles. Ich schließe für einen Moment die Augen, horche in mich hinein. Jetzt zurück in die Wohnung? Ja, entschließe ich, stehe von der Bank auf, an der ich gesessen habe. Der Rhein ist in der Nacht wirklich wunderschön, und von mir aus ist es jetzt auch nicht mehr weit.


Auf dem Weg begegne ich einmal einer älteren Frau. Nachtschwärmer wie ich, wie es aussieht. Ich lächele ihr zu, nicke, sie grüßt zurück, ich gebe ihr Feuer.


In der nächsten Gasse dann eine Hand, die mich grob von der Straße zieht in den Schatten. Eine Stimme, die flüstert, etwas Scharfes an meinem Hals. Ein Messer, vermute ich. Die Stimmte flüstert, droht mir, kein Geräusch, nicht weglaufen, wenn ich kooperiere passiert mir nichts. Sicher, denke ich. Aber was habe ich denn für eine Wahl. Es heißt immer, man soll sich nicht wehren, all die Tips - aber wer rechnet denn damit, sie jemals anwenden zu müssen. Habe ich denn eine Wahl? Es ist zu gefährlich. Also kooperiere ich.


Danach wieder die Stimme. Ich soll, ohne mich umzudrehen, die Straße entlang geradeaus gehen, ich wüsste ja was sonst passiert. Ich nicke nur, denn ich traue meiner Stimme nicht. Er lässt mich los, ich gehe langsam die Straße entlang, dann irgendwohin. Ich erinnere mich kaum daran, bis ich wieder am Rhein stehe, nicht weit von der Bank entfernt, auf der ich früher am Abend saß.


Es wird schon wieder hell, so weiß ich, dass Stunden vergangen sein müssen. Bei Sonnenaufgang ist es hier noch schöner. Ich schüttel eine Zigarette aus der Packung, fast leer, und setze mich wieder auf die Bank. Ziehe meine Knie an und starre auf das Wasser.


Noch später, als es bereits wieder vollkommen hell ist, schließe ich die Tür zu der Wohnung auf. Mein Mitbewohner ist schon weg, und ich lasse meine Jacke einfach fallen und gehe duschen. Dumm. Alle Spuren vernichtet, aber in dem Moment ist mir das egal. Ich stehe bestimmt eine Stunde lang unter brennend heißem Wasser, wasche mir fünf mal die Haare. Scheiß auf die Spuren, Anzeige gegen Unbekannt, das bringt eh nichts. Und selbst wenn, so kann ich nicht reden, so kann ich nicht denken, was soll ich denn machen? Alles in mir zieht sich zusammen, mir laufen Tränen über die Wange, die man nicht sieht.


Später stehe ich da, betrachte meinen Körper. Ich hasse ihn nicht, jetzt nicht. Aber er tut weh. Blaue Flecken an den Armen, ein Ziehen wie von einem Muskelkater, alles schmerzt.
Schließlich kuschel ich mich in meinen Mantel, rauche die vorletzte Zigarette und hole mir die Ibuprofen aus der Küche. Zwei Stück, dazu die beiden Schlaftabletten. Ich möchte nur noch schlafen, aber mir ist immer noch kalt. Es ist, als käme die Kälte von innen, von meinen Knochen aus.
Irgendwann schlafe ich ein, schlafe bis zum späten Nachmittag.

In der darauffolgenden Nacht dann der Hilferuf an meine Mutter: Ich schaffe es nicht allein. Die nächsten Tage bin ich da, dann wieder ein paar Tage in der Wohnung. Aber niemandem erzähle ich, was passiert ist.


Ich weiß selber nicht genau, warum. Zum einen schäme ich mich. Ich weiß, dass das Unsinn ist, aber dennoch schäme ich mich. Ich möchte nicht, dass die Leute es wissen - und sie werden es erfahren. So ist es leider immer, irgendwann. Und leider kenne ich den einen oder anderen, der wohl denken wird, dass ich es nicht anders wollte. Vielleicht sogar verdient habe, herausgefordert sogar. Und ich weiß nicht, ob ich das ertragen kann.


Ich dachte nicht, dass es mir so viel ausmachen würde. Ich dachte, weil ich eben diese offene Einstellung habe, würde es mich nicht so treffen. Noch eine Woche danach dachte ich es. So viel zum Thema Selbsttäuschung und Verdrängung.
Es macht mir viel aus. Es tut weh, selbst jetzt noch. Nichts im Vergleich zum seelischen Schmerz. Pathetisch, pathetisch.
Ich kann nicht anders, ich muss darüber Witze machen, es belächeln, sarkastisch/ironisch/ich weiß nicht was sein, denn wenn ich das nicht mehr schaffe, breche ich völlig zusammen. Und mein momentaner Zustand reicht mir völlig, danke auch.
Wie es weiter gehen soll, weiß ich nicht. Wie es aussieht, werde ich mit der Schule aufhören. Darüber habe ich heute mit meiner Mom geredet, sie hält es auch für das Beste. Weil ich es so nicht schaffe, nicht einmal in die Schule, geschweige denn Klausuren schreiben. Und jeden Morgen dasselbe schlechte Gewissen deswegen habe.


Wenn dieser Druck erst mal weg ist, vielleicht schaffe ich es dann wieder, klar zu denken.



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